Veröffentlicht am April 17, 2024

Ein niedriges KGV ist nicht immer ein Schnäppchen – oft ist es ein Warnsignal für verborgene Risiken.

  • Ein hohes KGV kann gerechtfertigt sein, wenn der Markt starkes zukünftiges Wachstum erwartet (Erwartungs-Prämie).
  • Ein niedriges KGV kann auf eine „Wert-Falle“ hindeuten: ein Unternehmen mit strukturellen Problemen, dessen Gewinne bald einbrechen.

Empfehlung: Betrachten Sie das KGV als Fieberthermometer für die Markterwartung, nicht als starres Preisschild. Der Kontext aus Branche, Wachstum und Qualität ist entscheidend.

Ist eine Aktie gerade günstig oder schon viel zu teuer? Diese Frage stellt sich jeder Anleger, der über eine Direktinvestition in ein Unternehmen nachdenkt. Die scheinbar einfachste Antwort liefert eine der bekanntesten Kennzahlen der Finanzwelt: das Kurs-Gewinn-Verhältnis, kurz KGV. Die gängige Weisheit lautet: Ein niedriges KGV bedeutet „billig“, ein hohes KGV „teuer“. Viele Einsteiger nutzen diese Regel als primären Kompass für ihre Kaufentscheidungen und tappen dabei oft in eine Falle.

Doch was, wenn diese einfache Logik trügerisch ist? Was, wenn ein niedriges KGV gar kein Kaufsignal, sondern eine Warnung vor verborgenen Problemen ist? Und umgekehrt, ein hohes KGV der absolut faire Preis für ein Unternehmen mit einer glänzenden Zukunft? Die Realität der fundamentalen Aktienanalyse ist nuancierter. Das KGV ist kein Preisschild, sondern ein Fieberthermometer, das die Erwartungen und die Stimmung des gesamten Marktes an ein Unternehmen misst. Es blind zu verwenden, ist wie ein Medikament nur aufgrund seiner Farbe auszuwählen.

Dieser Leitfaden bricht mit den oberflächlichen Erklärungen. Wir tauchen tief in die Mechanik des KGV ein und zeigen Ihnen, wie Sie es wie ein professioneller Analyst nutzen. Sie werden lernen, den Kontext zu verstehen, Risiken wie die „Wert-Falle“ zu erkennen und Chancen zu identifizieren, die andere übersehen. Wir werden untersuchen, wie man ein stabiles Dividendenportfolio aufbaut, die Gefahren der Heimatmarkt-Konzentration vermeidet und in Krisenzeiten kühlen Kopf bewahrt – alles durch die Linse einer tieferen, kontextbezogenen Aktienbewertung.

In den folgenden Abschnitten werden wir die verschiedenen Facetten der Geldanlage beleuchten, von der Strategie für passives Einkommen bis hin zu den psychologischen Aspekten eines Bärenmarktes. So erhalten Sie ein umfassendes Rüstzeug, um fundierte und erfolgreiche Investmententscheidungen zu treffen.

Inhaltsverzeichnis: Aktienbewertung mit dem KGV meistern

Jeden Monat Cashflow: Wie Sie ein Dividenden-Portfolio bauen, das Ihre Miete zahlt

Der Traum vieler Anleger ist ein stetiger Einkommensstrom aus dem eigenen Portfolio, der laufende Kosten wie die Miete decken kann. Dividendenaktien sind das klassische Instrument, um dieses Ziel zu erreichen. Doch reiner Fokus auf eine hohe Dividendenrendite kann in die Irre führen. Ähnlich wie ein sehr niedriges KGV kann eine extrem hohe Rendite ein Warnsignal für ein Unternehmen in Schwierigkeiten sein, dessen Ausschüttung nicht nachhaltig ist. Ein fundamentaler Analyst schaut daher tiefer.

Der Schlüssel liegt in der Auswahl von qualitativ hochwertigen Dividenden-Aristokraten: Unternehmen, die ihre Dividende über Jahre oder Jahrzehnte hinweg kontinuierlich gesteigert haben. Dies beweist ein robustes Geschäftsmodell. Gepaart mit einer moderaten Bewertung – oft signalisiert durch ein KGV unter 20 – und einer nachhaltigen Ausschüttungsquote (Anteil des Gewinns, der als Dividende gezahlt wird) von idealerweise unter 60 %, entsteht ein solides Fundament. Eine solche Strategie zielt nicht auf den schnellen Gewinn ab, sondern auf den Aufbau eines verlässlichen, passiven Einkommens. So wird aus einem Aktienportfolio eine echte Cashflow-Maschine. Die durchschnittliche Dividendenrendite der DAX-Unternehmen von rund 3,2 % im Jahr 2024 zeigt, welches Kapital für ein bestimmtes Ziel nötig ist.

Ihr Aktionsplan für 500 € monatliche Dividenden

  1. Kapitalbedarf berechnen: Um 6.000 € pro Jahr (500 €/Monat) bei einer angenommenen Dividendenrendite von 3 % zu erzielen, benötigen Sie ein investiertes Kapital von 200.000 €.
  2. Qualitätsaktien identifizieren: Suchen Sie nach Dividenden-Aristokraten oder -zahlern aus Indizes wie dem MDAX/SDAX mit einem stabilen Geschäftsmodell und einem KGV unter 20.
  3. Nachhaltigkeit prüfen: Analysieren Sie die Ausschüttungsquote. Liegt sie konstant unter 60 % des Gewinns, ist die Dividende wahrscheinlich auch in Zukunft sicher.
  4. Breit diversifizieren: Streuen Sie Ihr Investment auf mindestens 15 bis 20 verschiedene Positionen aus unterschiedlichen Branchen und Ländern, um Klumpenrisiken zu vermeiden.
  5. Zinseszinseffekt nutzen: Reinvestieren Sie in den ersten Jahren alle erhaltenen Dividenden konsequent, um das exponentielle Wachstum Ihres Portfolios zu beschleunigen.

Warum zu viele deutsche Aktien (DAX) Ihr Depot unnötig riskant machen

Deutsche Anleger neigen zum sogenannten „Home Bias“: Sie investieren überproportional stark in den heimischen Aktienmarkt, insbesondere in die bekannten Namen aus dem DAX. Dies vermittelt ein Gefühl von Sicherheit und Vertrautheit. Doch diese Konzentration ist ein verstecktes, aber signifikantes Risiko. Ein Portfolio, das stark auf den DAX ausgerichtet ist, ist kein Spiegel der deutschen Wirtschaft, sondern eine Wette auf wenige, stark zyklische Branchen wie die Automobil-, Chemie- und Industriebranche.

Paradoxerweise ist der DAX gleichzeitig extrem globalisiert. Eine Analyse zeigt, dass die 40 DAX-Unternehmen mehr als 80 % ihrer Umsätze im Ausland erzielen. Ein Investment ist also weniger eine Wette auf die deutsche Konjunktur als vielmehr auf die Weltwirtschaft – aber eben durch die Brille weniger Branchen. Dieses Klumpenrisiko kann in Krisen zu überdurchschnittlich hohen Verlusten führen, wenn genau diese Sektoren unter Druck geraten. Die Diversifikation über Länder und Branchen hinweg ist der einzige wirksame Schutz gegen diese Gefahr.

Visualisierung des Klumpenrisikos bei DAX-Konzentration im Portfolio

Fallbeispiel: Der Wirecard-Kollaps als Mahnung

Der Wirecard-Skandal im Jahr 2020 ist ein dramatisches Beispiel für die Gefahren des Home Bias. Als das Unternehmen zusammenbrach, erlitten unzählige deutsche Privatanleger, die überproportional in den damaligen DAX-Titel investiert hatten, massive Verluste. Viele hatten ihr Vertrauen in eine bekannte deutsche Erfolgsgeschichte gesetzt und die Risiken einer Einzelwette ignoriert. Dieses Ereignis unterstreicht schmerzhaft, warum eine breite, internationale Streuung über den deutschen Markt hinaus kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit für ein robustes Portfolio ist.

Bärenmarkt-Psychologie: Was tun, wenn das Depot 40% im Minus steht?

Ein Bärenmarkt, definiert als ein Kursrückgang von 20 % oder mehr, ist die härteste psychologische Prüfung für jeden Anleger. Wenn das Depot tiefrot ist und die Schlagzeilen von Panik und Rezession dominiert werden, ist der menschliche Instinkt klar: verkaufen, um weitere Verluste zu vermeiden. Doch genau das ist oft der teuerste Fehler. Ein fundamentaler Analyst sieht in einem Crash nicht das Ende, sondern eine seltene Gelegenheit. In diesen Phasen wird die Spreu vom Weizen getrennt, und Bewertungen fallen auf Niveaus, die in normalen Zeiten undenkbar wären.

Das KGV wird hier zum wichtigsten Werkzeug. In der Panik des Crashs fallen die Kurse viel schneller als die Unternehmensgewinne, was zu extrem niedrigen KGVs führt. So belegen historische Daten, dass das DAX-KGV Ende 2008 auf einen Wert von unter 10 fiel, während der langfristige Durchschnitt bei etwa 14,6 liegt. Dies sind die Momente, in denen Qualitätsunternehmen zu „Schleuderpreisen“ verfügbar sind. Wer jetzt den Mut hat, seine Strategie beizubehalten oder sogar gezielt nachzukaufen, legt den Grundstein für überdurchschnittliche Renditen in der folgenden Erholung. Die wichtigste Tugend im Bärenmarkt ist nicht Cleverness, sondern emotionale Disziplin und das Vertrauen in die eigene, fundierte Analyse.

In Crashzeiten kann man die größten Gewinne einfahren, wenn man mutig einsteigt.

– Thomas Kehl, Finanzfluss-Gründer im Business Insider Interview

Die größte Herausforderung ist, gegen die eigene Angst zu handeln. Wer seine Hausaufgaben gemacht hat und die wahren Werte seiner Unternehmen kennt, kann die Panik des Marktes als seinen Verbündeten nutzen.

Neobroker vs. Hausbank: Sind Gratis-Trades wirklich kostenlos oder zahlen Sie über den Spread?

Der Aufstieg von Neobrokern wie Trade Republic oder Scalable Capital hat den Aktienhandel in Deutschland revolutioniert. Mit Slogans wie „Gratis-Trades“ oder „1-Euro-Order“ locken sie vor allem junge Anleger weg von den traditionellen Haus- und Direktbanken, wo eine Order schnell 10 Euro oder mehr kostet. Doch sind diese Angebote wirklich so günstig, wie sie scheinen? Ein fundamentaler Analyst weiß: Im Finanzwesen gibt es nichts geschenkt. Die Kosten sind nur anders, oft weniger transparent, verpackt.

Das Schlüsselwort lautet „Spread“. Der Spread ist die Differenz zwischen dem Kauf- (Brief) und Verkaufskurs (Geld) einer Aktie. Neobroker leiten die Orders ihrer Kunden oft an spezifische Handelsplätze weiter, von denen sie eine Rückvergütung erhalten („Payment for Order Flow“). Diese Handelsplätze verdienen ihr Geld über den Spread, der bei Neobrokern tendenziell breiter sein kann als an Referenzbörsen wie Xetra. Das bedeutet, Sie kaufen eine Aktie für einen etwas höheren Preis und verkaufen sie für einen etwas niedrigeren. Bei kleinen Orders fällt das kaum ins Gewicht, bei größeren Beträgen oder häufigem Handel kann dieser versteckte Kostenfaktor die gesparte Ordergebühr schnell übersteigen.

Vergleich zwischen mobilem Neobroker und klassischer Bankplattform

Die folgende Tabelle stellt die typischen Kostenstrukturen gegenüber und zeigt, dass Neobroker nicht immer die günstigste Wahl sind, insbesondere wenn man den Spread und die oft eingeschränkten Analysetools berücksichtigt.

Kostenvergleich Neobroker vs. Direktbank
Kriterium Neobroker (Trade Republic) Direktbank (Comdirect)
Ordergebühr 1€ 9,90€ + 0,25%
Spread MDAX-Aktie 0,2-0,5% 0,1-0,2%
KGV-Tools Basis-Kennzahlen Erweiterte Analysetools
Gesamtkosten 1.000€ Order 3-6€ 12,40€

Ausländische Dividenden: Wie Sie die Doppelbesteuerung in Frankreich oder der Schweiz vermeiden

Wer sein Portfolio international diversifiziert und in ausländische Dividendenaktien investiert, stößt unweigerlich auf das Thema Quellensteuer. Länder wie Frankreich oder die Schweiz behalten einen Teil der Dividende direkt an der Quelle ein, bevor sie an den deutschen Anleger ausgezahlt wird. Da diese Erträge in Deutschland ebenfalls der Abgeltungsteuer unterliegen, kommt es zu einer Doppelbesteuerung, die die Nettorendite empfindlich schmälern kann.

Glücklicherweise gibt es Doppelbesteuerungsabkommen (DBA) zwischen Deutschland und vielen anderen Staaten. Diese regeln, wie viel Quellensteuer ein ausländischer Staat maximal einbehalten darf. Die Schweiz beispielsweise behält 35 % Quellensteuer ein, aber dank des DBA können sich deutsche Anleger 20 % davon zurückerstatten lassen, sodass die Belastung auf 15 % sinkt. Dieser anrechenbare Teil wird dann in Deutschland auf die Abgeltungsteuer angerechnet. Der Prozess zur Rückforderung der zu viel gezahlten Quellensteuer ist jedoch oft bürokratisch und von Land zu Land unterschiedlich, erfordert spezielle Formulare und manchmal sogar eine Bestätigung des deutschen Finanzamts.

Diese steuerlichen Aspekte sind für die fundamentale Analyse relevant, da sie die effektive Rendite einer Investition direkt beeinflussen. Eine Aktie mit einem attraktiven KGV und hoher Dividendenrendite aus einem Hochsteuerland kann nach Abzug aller Steuern weniger rentabel sein als eine Aktie aus einem Land mit einem unkomplizierteren Steuersystem. Internationale Marktdaten verdeutlichen zudem, dass Bewertungen variieren: Der MSCI World zeigt ein Durchschnitts-KGV von ~18, während der DAX oft niedriger bei ~14 liegt, was die Notwendigkeit einer globalen Perspektive unterstreicht.

Kann ein aktiver Manager den Markt schlagen oder ist der ETF immer überlegen?

Die Debatte zwischen aktivem und passivem Investieren ist so alt wie die moderne Finanztheorie. Passive Anleger argumentieren, dass es langfristig fast unmöglich ist, den Markt (repräsentiert durch einen Index wie den MSCI World) zu schlagen, weshalb kostengünstige ETFs die beste Wahl sind. Aktive Investoren und Fondsmanager hingegen glauben, durch gezielte Aktienauswahl – das sogenannte Stock-Picking – eine Überrendite (Alpha) erzielen zu können. Die Wahrheit liegt, wie so oft, in der Mitte und hängt stark von der gewählten Strategie ab.

Eine der erfolgreichsten aktiven Strategien ist das Value-Investing, das auf den Prinzipien von Benjamin Graham und Warren Buffett beruht. Value-Investoren suchen systematisch nach Unternehmen, die an der Börse unter ihrem inneren Wert gehandelt werden. Das KGV ist hierbei eine zentrale Kennzahl: Aktien mit einem im Branchen- und historischen Vergleich niedrigen KGV sind potenzielle Kandidaten. Die Kunst besteht darin, echte „Perlen“ von den bereits erwähnten „Wert-Fallen“ zu unterscheiden. Dies erfordert eine tiefe Analyse des Geschäftsmodells, der Bilanz und des Managements.

Checkliste: KGV-basierte Stock-Picking-Strategie für Einsteiger

  1. Universum definieren: Starten Sie mit einem breiten Index, z. B. alle Aktien aus dem HDAX (DAX, MDAX, TecDAX).
  2. Quantitatives Screening: Filtern Sie die Liste nach Unternehmen mit einem KGV von unter 12.
  3. Historischer Vergleich: Prüfen Sie für die verbliebenen Kandidaten das 5-Jahres-Durchschnitts-KGV. Ist das aktuelle KGV deutlich niedriger, könnte dies auf eine Unterbewertung hindeuten.
  4. Branchenkontext prüfen: Vergleichen Sie das KGV mit dem Durchschnitt der direkten Konkurrenten. Ein niedriges KGV ist nur dann aussagekräftig, wenn es vom Branchenschnitt abweicht.
  5. Qualitative Analyse: Wählen Sie die 10-15 vielversprechendsten Titel aus und analysieren Sie Geschäftsmodell, Verschuldung und Management, um Wert-Fallen auszuschließen.

Für Anleger, die nicht die Zeit für eine solch detaillierte Einzelaktienanalyse haben, gibt es einen Mittelweg: Value-ETFs. Diese Produkte bilden Indizes ab, die automatisch Aktien nach Value-Kriterien wie einem niedrigen KGV auswählen. So kann man passiv von der Value-Prämie profitieren, wie das Beispiel des MSCI World Value Index zeigt, der langfristig oft eine Outperformance gegenüber dem Gesamtmarkt aufweist.

Aktivierungswahlrechte nutzen: Wie Sie das Eigenkapital schönen, um das Bank-Rating zu verbessern

Für den fundamentalen Analysten ist die Bilanz eines Unternehmens das Fundament jeder Bewertung. Doch eine Bilanz ist kein absolut objektives Dokument. Sie wird durch Rechnungslegungsstandards (in Deutschland meist HGB oder IFRS) und die Entscheidungen des Managements geprägt. Hier kommen die sogenannten Aktivierungswahlrechte ins Spiel. Dies sind Posten, bei denen das Unternehmen die Wahl hat, ob es sie als sofortigen Aufwand in der Gewinn- und Verlustrechnung verbucht oder als Vermögenswert in der Bilanz aktiviert.

Ein klassisches Beispiel sind selbst geschaffene immaterielle Vermögenswerte wie Entwicklungskosten für eine neue Software. Aktiviert das Unternehmen diese Kosten, erscheinen sie als Vermögen in der Bilanz und werden über mehrere Jahre abgeschrieben. Dies hat zwei Effekte: Das Eigenkapital erscheint höher (da die Bilanzsumme steigt), und der Gewinn im ersten Jahr ist ebenfalls höher (da die Kosten nicht sofort verbucht werden). Ein höheres Eigenkapital und ein höherer Gewinn können zu einem besseren Rating bei Banken führen und die Aktie auf den ersten Blick attraktiver erscheinen lassen – das KGV sinkt durch den höheren Gewinn.

Hier zeigt sich die Gefahr, Kennzahlen isoliert zu betrachten. Ein scheinbar günstiges KGV kann das Ergebnis aggressiver Bilanzierung sein. Ein sorgfältiger Analyst schaut daher immer ins Kleingedruckte, den Anhang der Bilanz. Dort muss das Unternehmen seine Bilanzierungs- und Bewertungsmethoden offenlegen. Findet man dort Hinweise auf eine extensive Nutzung von Aktivierungswahlrechten, ist Vorsicht geboten. Es könnte ein Versuch sein, die finanzielle Lage des Unternehmens besser darzustellen, als sie tatsächlich ist – ein klares Warnsignal und ein potenzielles Merkmal einer Wert-Falle.

Das Wichtigste in Kürze

  • Das KGV ist ein Indikator für Markterwartungen, kein simples Preisschild. Kontext ist alles.
  • Ein niedriges KGV kann eine „Wert-Falle“ signalisieren – ein Unternehmen mit fundamentalen Problemen.
  • Ein hohes KGV kann durch starke Wachstumsaussichten oder hohe Qualität gerechtfertigt sein.

Wertzuwachs durch Faktor-Investing: Wie Sie mit Small-Cap und Value-Prämien den Markt schlagen

Nachdem wir das KGV als Werkzeug zur Identifizierung potenziell unterbewerteter Aktien kennengelernt haben, heben wir das Konzept auf eine systematische Ebene: das Faktor-Investing. Diese wissenschaftlich fundierte Anlagestrategie geht davon aus, dass die Rendite von Aktien nicht nur vom allgemeinen Marktrisiko abhängt, sondern von spezifischen, nachweisbaren Merkmalen – den sogenannten „Faktoren“.

Die bekanntesten Faktoren, identifiziert von den Nobelpreisträgern Eugene Fama und Kenneth French, sind Value und Size (Small-Cap). Die Value-Prämie beschreibt die langfristig beobachtete Tendenz, dass Aktien mit niedrigen Bewertungen (z. B. niedriges KGV oder Kurs-Buchwert-Verhältnis) den breiten Markt übertreffen. Dies ist die akademische Bestätigung der Strategie von Value-Investoren. Die Size-Prämie besagt, dass Aktien kleinerer Unternehmen (Small Caps) historisch gesehen ebenfalls eine höhere Rendite erzielt haben als die großer Konzerne (Large Caps), wenn auch mit höherem Risiko.

Für Privatanleger bedeutet das: Statt willkürlich Aktien auszuwählen, kann man gezielt ein Portfolio konstruieren, das diese Faktoren übergewichtet. Anstatt nur in einen marktbreiten ETF zu investieren, könnte man sein Portfolio um einen Value-ETF und einen Small-Cap-ETF ergänzen. Diese Strategie kombiniert die passive, kostengünstige Natur von ETFs mit einem aktiven Element – der bewussten Entscheidung, auf wissenschaftlich belegte Renditetreiber zu setzen. Das KGV ist hier nicht mehr nur ein Werkzeug zur Einzelaktienanalyse, sondern das Kernkriterium eines ganzen Investment-Faktors. Es ist der Übergang vom reinen Stock-Picking zu einem regelbasierten, strategischen Portfolioaufbau.

Die Anwendung von Faktor-Strategien ist der logische nächste Schritt. Um langfristig erfolgreich zu sein, ist es entscheidend, die Prinzipien des Faktor-Investings zu verstehen und anzuwenden.

Beginnen Sie noch heute damit, diese Prinzipien anzuwenden, um Ihr Portfolio auf einer soliden, datengestützten Grundlage aufzubauen und die typischen Fehler von Einsteigern zu vermeiden.

Häufige Fragen zur Aktienbewertung mit dem KGV

Wie wird das KGV bei unterschiedlichen Bilanzierungsstandards verglichen?

Bei Vergleichen zwischen deutschen (HGB) und internationalen Unternehmen (IFRS) sollten bereinigte KGV-Werte verwendet werden, die Sondereffekte herausrechnen.

Welchen Einfluss hat die Quellensteuer auf die effektive Rendite?

Die Schweizer Quellensteuer von 35% kann auf 15% reduziert werden, während Frankreich 28% erhebt – dies verändert die Nettorendite bei gleichem KGV erheblich.

Sollte man das KGV in USD oder EUR betrachten?

Für deutsche Anleger empfiehlt sich die Betrachtung in EUR, um Währungseffekte in der Bewertung zu berücksichtigen.

Geschrieben von Michael Bauer, Bankkaufmann und geprüfter Immobilienökonom (ADI) mit 15 Jahren Erfahrung in der Baufinanzierung und Immobilienbewertung. Er berät Kapitalanleger und Eigenheimerwerber bei der Strukturierung optimaler Finanzierungskonzepte.