Veröffentlicht am März 11, 2024

Der niedrigste Sollzins aus der Werbung führt selten zum günstigsten Kredit.

  • Die wahren Kosten („Kostenwahrheit“) hängen von versteckten Variablen wie Ihrer Bonität, nicht inkludierten Gebühren und dem Tilgungsplan ab.
  • Banken nutzen das „2/3-Beispiel“, das bedeutet, der Werbezins gilt nur für einen kleinen Teil der Kunden mit perfekter Bonität.

Empfehlung: Um die wahre Belastung zu finden, müssen Sie die vollständige „Kredit-Gleichung“ lösen und alle Komponenten vergleichen, nicht nur den prominenten Sollzins.

Wenn Sie Kreditangebote vergleichen, sticht Ihnen eine Zahl sofort ins Auge: der Sollzins. Er wird oft groß und verlockend beworben und suggeriert ein unschlagbares Schnäppchen. Doch die Realität sieht häufig anders aus. Viele Kreditnehmer stellen später fest, dass die monatliche Rate und die Gesamtkosten höher ausfallen als erwartet. Der Grund dafür liegt in der Differenz zwischen dem Sollzins und dem effektiven Jahreszins. Man könnte sagen, der Sollzins ist die Kaltmiete, aber der Effektivzins die Warmmiete Ihres Kredits. Doch selbst diese weit verbreitete Analogie greift zu kurz.

Die meisten Ratgeber erklären Ihnen den Unterschied und raten Ihnen, einfach den Effektivzins zu vergleichen. Das ist ein guter Anfang, aber es ist, als würde man einem Schüler nur das Ergebnis einer mathematischen Gleichung verraten, ohne ihm den Lösungsweg zu zeigen. Das Problem ist, dass selbst der Effektivzins nicht immer die ganze Wahrheit abbildet. Er ist nur eine weitere Variable in einer komplexeren Formel – der „Kredit-Gleichung“.

Aber was, wenn die wahre Kunst nicht darin besteht, zwei Zahlen zu vergleichen, sondern die gesamte Gleichung zu verstehen? Wenn die eigentliche Kompetenz darin liegt, die versteckten Variablen zu identifizieren, die eine Bank in einem Angebot unterbringen kann? Dieser Artikel nimmt Sie mit an die Tafel. Wir werden nicht nur definieren, was Soll- und Effektivzins sind. Wir werden die Kredit-Gleichung Schritt für Schritt zerlegen, Ihnen die Hebel und Faktoren zeigen und Sie befähigen, die wahre Kostenwahrheit hinter jedem Angebot selbst zu berechnen. So werden Sie vom passiven Angebotsvergleicher zum aktiven Finanzmathematiker Ihrer eigenen Finanzen.

In den folgenden Abschnitten werden wir die einzelnen Komponenten dieser Gleichung detailliert analysieren. Sie werden lernen, wie Werbeversprechen funktionieren, welche Kosten legal „versteckt“ werden dürfen und wie Sie selbst komplexe Szenarien wie eine Umschuldung oder die Wahl der richtigen Zinsbindung strategisch bewerten können.

Das „2/3-Beispiel“: Warum der Zinssatz in der Werbung für 66% der Kunden gar nicht gilt

Stellen Sie sich vor, Sie sehen eine Werbung für einen Kredit mit einem unglaublich niedrigen Sollzins von 2,9 %. Das ist der „Schaufensterzins“. Die entscheidende Information steht jedoch oft im Kleingedruckten: das repräsentative Beispiel, auch „2/3-Beispiel“ genannt. Laut Preisangabenverordnung (PAngV) muss die Bank hier den Zinssatz angeben, den mindestens zwei Drittel ihrer Kunden tatsächlich erhalten. Dieser Zinssatz ist oft deutlich höher als der Werbezins. Hier kommt die erste wichtige Variable in unsere Kredit-Gleichung: der Bonitäts-Faktor.

Ihre persönliche Kreditwürdigkeit, meist ausgedrückt durch Ihren SCHUFA-Score, ist ein Multiplikator, der das Ergebnis Ihrer Gleichung massiv beeinflusst. Banken belohnen ein geringes Ausfallrisiko mit besseren Konditionen. Das Problem: Der Schaufensterzins ist nur für eine kleine Elite mit perfekter Bonität reserviert. Eine Analyse zeigt, dass zwar mehr als 74,2 % aller Personen in Deutschland einen exzellenten SCHUFA-Score haben, die Banken ihre Top-Konditionen aber oft nur an die allerbesten Profile innerhalb dieser Gruppe vergeben. Für alle anderen gilt der höhere Zinssatz aus dem 2/3-Beispiel – oder ein noch höherer, individueller Satz.

Das veranschaulicht ein einfaches Rechenbeispiel: Bei einem 5.000-Euro-Kredit über 36 Monate mit 2 % Sollzins betragen die Gesamtzinsen nur 155 Euro. Steigt der Sollzins aufgrund einer nicht perfekten Bonität auf 5 %, klettern die Zinskosten auf fast 400 Euro. Die monatliche Rate ändert sich dabei nur minimal, was die wahren Mehrkosten verschleiert. Der Werbezins ist also oft nur eine theoretische Größe; die reale Kostenwahrheit beginnt erst mit dem repräsentativen Beispiel.

Ihr Plan zur Entlarvung von Lockvogel-Angeboten

  1. Repräsentatives Beispiel suchen: Ignorieren Sie den Werbezins und fokussieren Sie sich auf die Konditionen, die zwei Drittel aller Kunden erhalten. Das ist Ihr realistischer Ausgangspunkt.
  2. Sollzins und Effektivzins vergleichen: Der Effektivzins muss laut EU-Verbraucherkreditrichtlinie angegeben sein und ist der ehrlichere Vergleichswert.
  3. Rahmenbedingungen prüfen: Vergleichen Sie nur Angebote, bei denen Darlehenshöhe, Tilgungsrate und Zinsbindungsdauer identisch sind.
  4. Tilgungsplan anfordern: Fordern Sie vor Abschluss einen detaillierten Tilgungsplan an. Nur hier sehen Sie die tatsächlichen Kreditkosten schwarz auf weiß.
  5. Mehrere Angebote einholen: Holen Sie mindestens drei Angebote ein und vergleichen Sie diese nur bei identischen Monatsraten und gleicher Sollzinsfestschreibung.

Lassen Sie sich also nicht von niedrigen Prozentzahlen blenden. Suchen Sie aktiv nach dem repräsentativen Beispiel, denn das ist der realistischste Startwert für Ihre persönliche Kredit-Gleichung.

Monatlich oder vierteljährlich: Wie die Zahlungsweise den effektiven Jahreszins beeinflusst

Eine weitere, oft übersehene Variable in der Kredit-Gleichung ist der Faktor Zeit – genauer gesagt, die Frequenz der Zins- und Tilgungszahlungen. Der Gesetzgeber schreibt die Angabe des effektiven *Jahres*zinses vor. Doch wie dieser Zins verrechnet wird, kann einen Unterschied machen. Die meisten Ratenkredite arbeiten mit monatlichen Raten. Bei Baufinanzierungen oder anderen Darlehensformen kann die Verrechnung aber auch vierteljährlich oder sogar nur jährlich erfolgen. Hier wirkt ein mathematischer Hebel: der unterjährige Zinseszinseffekt.

Visualisierung des Zinseszinseffekts bei verschiedenen Zahlungsintervallen, dargestellt durch unterschiedlich große Glaskugeln auf Podesten in einer modernen Bankhalle.

Stellen Sie sich vor, Sie zahlen Ihre Tilgung nur vierteljährlich. Das bedeutet, die Restschuld sinkt nur alle drei Monate. In der Zwischenzeit zahlen Sie Zinsen auf einen höheren Betrag, als Sie es bei einer monatlichen Tilgung tun würden. Bei einer monatlichen Verrechnung wird die Restschuld schneller kleiner, und der Zinsanteil an jeder Rate sinkt kontinuierlich. Dieser Effekt ist zwar minimal, summiert sich aber über die gesamte Laufzeit. Eine häufigere Tilgungsverrechnung führt also zu einer geringeren Gesamtbelastung. Der Beratungsdienst Geld und Haushalt fasst diesen Mechanismus prägnant zusammen:

Je höher Sie Ihren Tilgungsanteil setzen, desto schneller zahlen Sie Ihren Kredit zurück. Mit sinkender Restschuld wird der Zinsanteil Ihrer monatlichen Rate Monat für Monat kleiner.

– Beratungsdienst Geld und Haushalt, Ratgeber für Kredite und Finanzierung

Der Zinshebel der Zahlungsweise ist ein gutes Beispiel dafür, wie selbst kleine Details in den Vertragsbedingungen die Kostenwahrheit beeinflussen. Eine monatliche Zahlungs- und Verrechnungsweise ist für den Kreditnehmer fast immer die günstigste Variante, da sie den Zinseszinseffekt zu seinen Gunsten nutzt und die Restschuld am schnellsten reduziert.

Prüfen Sie im Kreditvertrag also nicht nur die Höhe der Rate, sondern auch die Frequenz der Verrechnung. Es ist eine der versteckten Variablen, die über Hunderte von Euro entscheiden kann.

Welche Kosten im Effektivzins enthalten sein müssen und welche die Bank verstecken darf

Der effektive Jahreszins wurde eingeführt, um mehr Transparenz zu schaffen. Er soll alle zwingend mit dem Kredit verbundenen Kosten abbilden. Doch das Wort „zwingend“ ist der Knackpunkt. Die Kredit-Gleichung enthält auch optionale oder situationsabhängige Variablen, die der Effektivzins nicht berücksichtigen muss. Es ist daher entscheidend zu wissen, welche Kostenfaktoren im Ergebnis enthalten sind und welche die Bank außerhalb dieser Berechnung ansetzen darf.

Seit 2014 dürfen Banken in Deutschland keine allgemeinen Bearbeitungsgebühren mehr für Kredite verlangen. Diese sind, falls sie doch anfallen (z. B. bei manchen Vermittlern), im Effektivzins zu berücksichtigen. Auch ein Disagio, also ein vorab einbehaltener Zinsbetrag, muss eingerechnet werden. Die Krux liegt jedoch bei den Kosten, die als „optional“ gelten oder nicht direkt mit der Kreditvergabe zusammenhängen. Ein klassisches Beispiel ist die Restschuldversicherung (RSV). Da der Abschluss theoretisch freiwillig ist, fließen ihre hohen Kosten nicht in den Effektivzins ein, obwohl sie oft als Bedingung für eine Kreditvergabe nahegelegt wird. Ähnliches gilt für Kontoführungsgebühren oder Bereitstellungszinsen, die anfallen, wenn Sie das Darlehen nicht sofort abrufen.

Die folgende Tabelle, basierend auf einer Analyse gängiger Kreditkosten, zeigt die wichtigsten Posten im Überblick:

Im Effektivzins enthalten vs. nicht enthalten
Im Effektivzins enthalten Nicht im Effektivzins enthalten
Sollzinsen Restschuldversicherung (RSV)
Bearbeitungsgebühren (seit 2014 unzulässig) Bereitstellungszinsen
Vermittlungsgebühren Kontoführungsgebühren Darlehenskonto
Tilgungsverrechnungszeitpunkte Schätzgebühren für Immobilien
Auszahlungsdisagio Notar- und Grundbuchkosten

Diese Trennung ist der Grund, warum zwei Kredite mit identischem Effektivzins am Ende völlig unterschiedliche Gesamtkosten haben können. Wenn ein Angebot den Abschluss einer teuren RSV voraussetzt, ist es in der Kostenwahrheit deutlich teurer als ein Angebot ohne.

Ihre Aufgabe als Finanzmathematiker ist es, diese nicht enthaltenen Kosten zu erfragen und manuell zu Ihrer Gleichung hinzuzufügen, um die wahre Gesamtbelastung zu ermitteln.

Zins senken durch Disagio: Lohnt sich die Zinsvorauszahlung steuerlich für Vermieter?

Ein Disagio, auch Damnum genannt, ist ein besonders interessanter Hebel in der Kredit-Gleichung. Es handelt sich um einen prozentualen Abschlag vom Nennwert des Kredits, der bei der Auszahlung einbehalten wird. Sie nehmen also 100.000 Euro auf, erhalten aber bei einem Disagio von 5 % nur 95.000 Euro ausgezahlt. Zurückzahlen müssen Sie die vollen 100.000 Euro. Der Vorteil: Im Gegenzug gewährt die Bank einen niedrigeren Sollzins über die gesamte Laufzeit. Das Disagio ist im Grunde eine vorausbezahlte Zinslast.

Für private Kreditnehmer ist ein Disagio heute selten und meist unattraktiv, da der Liquiditätsverlust am Anfang schmerzt. Für eine bestimmte Gruppe kann es sich jedoch lohnen: Vermieter und Kapitalanleger. Der Grund liegt im Steuerrecht. Gemäß § 11 Abs. 2 EStG kann ein Disagio als Werbungskosten sofort in voller Höhe im Jahr der Auszahlung von der Steuer abgesetzt werden. Dies führt zu einer erheblichen Steuerersparnis, besonders bei einem hohen persönlichen Steuersatz.

Die Berechnung ist jedoch komplex. Man muss den sofortigen Steuervorteil und die niedrigeren Zinszahlungen über die Jahre gegen den anfänglichen Liquiditätsverlust abwägen. In einer Hochzinsphase wird die Kalkulation noch heikler. Zudem muss die Immobilie lange gehalten werden (in der Regel über die 10-jährige Spekulationsfrist hinaus), damit sich der Effekt rechnet. Ein vorzeitiger Verkauf könnte die gesamte Kalkulation zunichtemachen. In seltenen Fällen kann ein hohes Disagio sogar dazu führen, dass der Effektivzins rechnerisch unter den Sollzins fällt – eine mathematische Kuriosität, die aber die tatsächliche Belastung nicht mindert.

Ein Disagio ist somit ein Werkzeug für Spezialisten, das eine genaue mathematische und steuerliche Analyse erfordert. Es ist ein perfektes Beispiel für eine versteckte Variable, die eine Kredit-Gleichung für eine bestimmte Zielgruppe optimieren kann, für andere aber eine Falle darstellt.

Inverser Zinsmarkt: Was es bedeutet, wenn kurze Laufzeiten teurer sind als lange

Normalerweise gilt an den Finanzmärkten eine einfache Regel: Wer sein Geld länger bindet, erhält höhere Zinsen als für eine kurze Bindung. Eine Zinsbindung von 15 Jahren ist also teurer als eine von 5 Jahren. Dies nennt man eine normale Zinsstrukturkurve. Doch manchmal steht die Welt Kopf. In seltenen wirtschaftlichen Phasen kann es passieren, dass die Zinsen für kurzfristige Kredite höher sind als für langfristige. Man spricht dann von einer inversen Zinsstrukturkurve.

Dieses Phänomen ist ein starkes Signal der Finanzmärkte. Es tritt auf, wenn die Marktteilnehmer in naher Zukunft eine deutliche Konjunkturabschwächung oder eine Rezession erwarten. Sie rechnen damit, dass die Zentralbanken zur Stützung der Wirtschaft die Leitzinsen senken werden. Daher sind sie bereit, sich heute schon niedrige Zinsen für die Zukunft (lange Laufzeiten) zu sichern, während die Unsicherheit für die Gegenwart (kurze Laufzeiten) mit einem Risikoaufschlag – also höheren Zinsen – bepreist wird.

Besorgtes deutsches Paar studiert Finanzdokumente am Esstisch, was die Unsicherheit bei einer inversen Zinskurve symbolisiert.

Für Sie als Kreditnehmer bedeutet eine inverse Zinskurve, dass die üblichen Annahmen nicht mehr gelten. Die Entscheidung für eine kurze Zinsbindung in der Hoffnung auf bald fallende Zinsen wird plötzlich teurer als die sichere, langfristige Option. Die gesamte Kredit-Gleichung wird durch einen externen Marktfaktor neu kalibriert. Die Analogie der Hanseatic Bank hilft, die grundsätzliche Beziehung zwischen Soll- und Effektivzins zu verstehen, doch eine inverse Kurve fügt eine neue Ebene der Komplexität hinzu:

Ein Vergleich: Mit Sollzins und effektivem Jahreszins verhält es sich ähnlich wie mit Kaltmiete und Warmmiete.

– Hanseatic Bank, Ratgeber zu Kreditzinsen

In einem inversen Markt zu agieren, erfordert eine strategische Wette auf die zukünftige Zinsentwicklung. Schließt man einen teuren, kurzen Vertrag ab und die Zinsen fallen wie erwartet, hat man gewonnen. Fallen sie nicht, hat man unnötig hohe Zinsen gezahlt.

Ein inverser Zinsmarkt ist somit der ultimative Beweis, dass Kreditentscheidungen nicht im luftleeren Raum getroffen werden. Das wirtschaftliche Umfeld ist eine der mächtigsten Variablen in Ihrer Gleichung.

Teure Altkredite umschulden: Wann lohnt sich die Vorfälligkeitsentschädigung für den Zinswechsel?

Viele Kreditnehmer sitzen auf teuren Altkrediten, die sie in einer früheren Hochzinsphase abgeschlossen haben. Wenn die aktuellen Zinsen deutlich niedriger sind, scheint eine Umschuldung verlockend. Doch hier taucht eine der größten und teuersten Variablen in der Kredit-Gleichung auf: die Vorfälligkeitsentschädigung (VFE). Dies ist eine Strafgebühr, die die Bank für den entgangenen Zinsgewinn verlangt, wenn Sie einen Kredit vor dem Ende der Zinsbindung kündigen.

Die Berechnung der VFE ist eine Wissenschaft für sich. Die Banken dürfen nicht willkürlich vorgehen, aber die Methoden sind komplex. Die zentrale Frage lautet: Ist die Ersparnis durch den neuen, günstigeren Kredit höher als die Kosten der VFE? Sie müssen also zwei Gleichungen lösen und die Ergebnisse vergleichen. Hierbei gibt es jedoch rechtliche „Joker“, die die VFE-Zahlung reduzieren oder ganz eliminieren können. Nach § 489 BGB hat jeder Kreditnehmer nach 10 Jahren Laufzeit ein Sonderkündigungsrecht – völlig kostenfrei. Zudem hat der Bundesgerichtshof die Rechte der Verbraucher gestärkt.

So kann die VFE nach dem wegweisenden BGH-Urteil vom 3. Dezember 2024 (Az. XI ZR 75/23) unzulässig sein, wenn die Vertragsklauseln unklar formuliert sind. Dies eröffnet vielen Kreditnehmern die Möglichkeit, eine bereits gezahlte VFE zurückzufordern oder eine anstehende Zahlung zu verweigern. Die Prüfung des eigenen Vertrags durch einen Spezialisten kann sich also lohnen, bevor man die VFE als gegeben hinnimmt.

Eine Umschuldung ist also eine Abwägungsentscheidung, die eine präzise Berechnung erfordert. Sie müssen die Restlaufzeit, die Zinsdifferenz und die Höhe der (möglicherweise anfechtbaren) VFE exakt kalkulieren. Nur wenn das Ergebnis der neuen Kredit-Gleichung signifikant besser ist als das der alten, lohnt sich der Schritt.

Die Entscheidung zur Umschuldung ist eine der folgenreichsten. Eine genaue Prüfung der Vorfälligkeitsentschädigung ist daher unerlässlich.

Die VFE ist keine unveränderliche Größe, sondern eine verhandelbare und oft anfechtbare Variable. Ihre korrekte Einschätzung ist der Schlüssel zu einer erfolgreichen Umschuldung.

5, 10 oder 15 Jahre Zinsbindung: Welche Laufzeit ist in der aktuellen Zinskurve die Wette wert?

Die Wahl der Zinsbindungsfrist ist eine der strategischsten Entscheidungen bei einer Baufinanzierung. Sie ist im Grunde eine Wette auf die zukünftige Zinsentwicklung. Eine kurze Zinsbindung (z. B. 5 Jahre) ist in der Regel mit einem niedrigeren Sollzins verbunden, birgt aber das Risiko, dass die Zinsen am Ende der Laufzeit stark gestiegen sind. Eine lange Zinsbindung (15 Jahre oder mehr) bietet maximale Planungssicherheit, kostet aber einen Zinsaufschlag – den Preis für die Versicherung gegen steigende Zinsen.

Welche „Wette“ ist also die richtige? Die Antwort hängt von zwei Faktoren ab: der aktuellen Zinskurve und Ihrer persönlichen Lebenssituation. Bei einer steilen Zinskurve (lange Laufzeiten sind viel teurer als kurze) kann eine kurze Bindung verlockend sein. Bei einer flachen oder inversen Kurve ist der Sicherheitsaufschlag für lange Laufzeiten gering, was sie attraktiver macht. Rechnen wir nach: Bei einem Baukredit über 250.000 Euro kann ein Zinsunterschied von 0,4 % zwischen einer 10- und 15-jährigen Bindung einen „Sicherheitsaufschlag“ von 1.000 Euro pro Jahr bedeuten. Über 15 Jahre summiert sich das auf 15.000 Euro.

Die Entscheidung ist jedoch nicht rein mathematisch, sondern auch psychologisch. Ihre Risikobereitschaft und Ihre Lebensphase sind entscheidende Variablen. Eine junge Familie mit stabilem, aber noch steigendem Einkommen priorisiert vielleicht Planungssicherheit, während ein Kapitalanleger Flexibilität bevorzugt. Die folgende Tabelle, die auf einer Analyse von Finanzierungsstrategien basiert, gibt eine gute Orientierung:

Zinsbindungsstrategien nach Lebensphase
Lebensphase Empfohlene Zinsbindung Begründung
Junge Familie 10-15 Jahre Planungssicherheit, stabiles Einkommen wichtiger als minimaler Zins
Kapitalanleger 5-10 Jahre Flexibilität für Marktchancen, Sonderkündigungsrecht nach 10 Jahren nutzen
Vor der Rente 15-20 Jahre Maximale Sicherheit, keine Zinsänderungsrisiken im Ruhestand

Letztendlich müssen Sie den berechenbaren Preis der Sicherheit gegen das unberechenbare Risiko der Zukunft abwägen. Es gibt keine universell richtige Antwort, nur die für Ihre persönliche Gleichung passende Lösung.

Die Wahl der richtigen Laufzeit hat weitreichende Konsequenzen. Die Abwägung der verschiedenen Zinsbindungsfristen ist ein entscheidender Teil Ihrer Finanzplanung.

Die Laufzeit ist somit der Hebel, mit dem Sie das Verhältnis von Sicherheit und Kosten in Ihrer Kredit-Gleichung justieren.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Sollzins ist nur ein Werbemittel; die wahre Belastung wird durch den Effektivzins und weitere, nicht enthaltene Kosten bestimmt.
  • Ihre Bonität (SCHUFA-Score) und Vertragsdetails wie Zahlungsintervalle sind entscheidende „versteckte Variablen“ in Ihrer persönlichen Kredit-Gleichung.
  • Analysieren Sie jedes Angebot wie ein Mathematiker: Identifizieren Sie alle Kostenfaktoren, um die tatsächliche „Kostenwahrheit“ zu ermitteln, anstatt nur Zinssätze zu vergleichen.

Null-Prozent-Finanzierung: Wo der Haken bei den Lockangeboten im Elektromarkt wirklich liegt

Die Null-Prozent-Finanzierung ist die extremste Form des Lockvogel-Angebots. Sie verspricht, was unmöglich scheint: Geld leihen ohne Kosten. Als kritischer Mathematiker sollten Sie sofort stutzig werden: Wenn eine Bank Geld verleiht, will sie Geld verdienen. Wo also steckt der Gewinn in dieser scheinbar perfekten Gleichung? Die Antwort lautet: Die Kosten sind nicht im Zins versteckt, sondern an anderer Stelle im System.

Erstens: Der Produktpreis ist oft überhöht. Der Händler kalkuliert die Zinskosten, die er an die Partnerbank abführen muss, direkt in den Verkaufspreis des Fernsehers oder Laptops ein. Ein Preisvergleich mit Online-Händlern oder bei Barzahlung deckt oft auf, dass das Produkt anderswo 10-20 % günstiger zu haben wäre. Sie zahlen die Zinsen also doch, nur eben über den Warenwert.

Zweitens: Der Verzicht auf Skonto. Viele Händler gewähren bei Barzahlung einen Rabatt von 2-3 %. Bei einer 0%-Finanzierung entfällt dieser Vorteil. Drittens werden oft überteuerte Zusatzversicherungen oder Garantieverlängerungen mitverkauft, die die eigentliche Marge des Händlers darstellen. Viertens schadet es Ihrer Bonität: Jede 0%-Finanzierung wird als normaler Ratenkredit an die SCHUFA gemeldet. Zu viele solcher Einträge können Ihren Score verschlechtern und zukünftige, wichtigere Kredite (wie eine Baufinanzierung) erschweren oder verteuern. Zuletzt dient das Angebot dem Cross-Selling: Die Partnerbank erhält Ihre Daten und wird versuchen, Ihnen weitere, teurere Finanzprodukte wie Kreditkarten oder Dispokredite zu verkaufen.

Die Analyse dieser Angebote zeigt, wie kreativ Kosten versteckt werden können. Es ist entscheidend, die wahren Haken der Null-Prozent-Finanzierung zu kennen.

Die 0%-Finanzierung ist somit keine magische Formel, sondern eine geschickte Umverteilung der Kosten. Die Gleichung geht für die Bank immer auf – oft zu Ihren Lasten. Beginnen Sie noch heute damit, bei jedem Angebot die vollständige Kredit-Gleichung zu lösen, anstatt sich von einer einzelnen, glänzenden Zahl blenden zu lassen.

Geschrieben von Michael Bauer, Bankkaufmann und geprüfter Immobilienökonom (ADI) mit 15 Jahren Erfahrung in der Baufinanzierung und Immobilienbewertung. Er berät Kapitalanleger und Eigenheimerwerber bei der Strukturierung optimaler Finanzierungskonzepte.